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Tierarzt · 9 min

Vier Jahre GOT-Reform — was die Tierarztkosten 2026 wirklich verändert hat

Bilanz nach vier Jahren neuer Gebührenordnung für Tierärzte. Was die Reform von 2022 versprach, was sie geliefert hat, und welche Kosten heute auf Halter:innen, Mehrtierhaushalte und Tierheime zukommen.

Am 22. November 2022 trat die novellierte Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) in Kraft — die erste umfassende Anpassung seit 1999. Dreiundzwanzig Jahre lang hatte sich an den Gebührenrahmen nichts Grundlegendes verändert, während Praxismieten, Geräteinvestitionen, Personalkosten und veterinärmedizinische Standards weitergewandert waren. Die Reform sollte aufholen. Sie hat aufgeholt — und gleichzeitig sichtbar gemacht, was in der Tiergesundheitsversorgung strukturell aus dem Lot ist.

Vier Jahre später lohnt sich eine nüchterne Bilanz: Was kostet Tiermedizin heute wirklich, wer trägt diese Kosten, und welche Verschiebungen sind durch die Reform tatsächlich ausgelöst worden — und welche durch ganz andere Kräfte?

Was die Reform vorsah

Kern der GOT 2022 war eine durchschnittliche Anhebung der einfachen Sätze um rund 20 Prozent, kombiniert mit der Aufnahme neuer Positionen, die moderne Diagnostik (digitales Röntgen, Sonographie, bestimmte laborchemische Verfahren) erstmals adäquat abbildeten. Beibehalten wurde der traditionelle Spielraum vom 1- bis 4-fachen Satz: Tierärzt:innen dürfen je nach Schwierigkeit, Zeitaufwand und örtlichen Verhältnissen einen Multiplikator zwischen 1,0 und 4,0 ansetzen, im Notdienst seit 2020 zwingend mindestens den 2-fachen Satz.

Die politische Begründung lautete: Existenzsicherung der tiermedizinischen Versorgung in der Fläche. Die fachliche Begründung lautete: Anpassung an reale Behandlungskosten. Beide stimmen. Beide haben Folgekosten.

Was sich tatsächlich verändert hat

Die ehrlichste Antwort auf die Frage „Was kostet eine Tierarztpraxis 2026 mehr als 2022?” lautet: Es kommt darauf an, was man vergleicht. Hier eine grobe Orientierung für gängige Leistungen, beobachtet quer durch deutsche Praxen:

Leistung                          2022           2026
Konsultation Hund (Basis)         50–80 EUR      70–110 EUR
Konsultation Katze (Basis)        40–70 EUR      60–95 EUR
Kastration Katze (Kätzin)         150–250 EUR    250–400 EUR
Kastration Kater                   80–140 EUR    130–220 EUR
Kastration Hund (mittelgroß)      300–500 EUR    450–750 EUR
Impfung (Jahresimpfung Hund)       50–80 EUR      70–110 EUR
Notdienst Konsultation Hund       100–180 EUR    180–320 EUR
Digitales Röntgen (1 Aufnahme)    40–70 EUR      55–95 EUR

Auffällig sind dabei zwei Dinge: Erstens, die Bandbreite hat sich nicht verengt, sondern verbreitert. Was eine Behandlung in einer ländlichen Einzelpraxis in Niedersachsen kostet, kann sich von der gleichen Behandlung in einer Großstadt-Tierklinik um den Faktor zwei unterscheiden. Zweitens, die Notdienstaufschläge sind in vielen Regionen Standard geworden — der 4-fache Satz an Sonn- und Feiertagen, in den Nachtstunden ab 18 Uhr, am Wochenende. Das war 2022 noch theoretisch möglich, ist 2026 die Regel.

Die Konsolidierung des Notdienstes

Vielleicht die strukturell folgenreichste Veränderung der letzten vier Jahre hat mit der GOT nur indirekt zu tun: Kleine und mittelgroße Praxen geben ihren Notdienst zunehmend ab. Die Begründung ist immer dieselbe — Personalmangel, fehlende Bereitschaft junger Tierärzt:innen zu Nachtdiensten, wirtschaftliche Unattraktivität.

Was bleibt, sind Tierkliniken — meist in städtischen Regionen, häufig in Ketten organisiert — die den Notdienst für ganze Landkreise übernehmen. Für Halter:innen bedeutet das: längere Anfahrten, höhere Aufschläge, oft Wartezeiten von zwei bis vier Stunden in akuten Fällen. Die GOT-Reform hat diese Konsolidierung nicht ausgelöst, aber sie hat sie monetär ermöglicht — denn nur unter den höheren Sätzen rechnet sich der Vorhaltebetrieb einer Notdienstklinik.

Die Wartezeiten für planbare Eingriffe — Sterilisationen, Zahnsanierungen, kleinere chirurgische Eingriffe — liegen 2026 routinemäßig bei vier bis acht Wochen, in Ballungsräumen länger. Wer eine Kätzin im Frühjahr sterilisieren lassen will, bevor die Streunersaison beginnt, muss im Februar buchen.

Das Wachstum der Tierversicherungen

Eine weitere Reaktion auf die GOT-Reform — und auf die generelle Kostenentwicklung — ist das rasante Wachstum von OP- und Krankenversicherungen für Hunde und Katzen. Zwischen 2022 und 2025 hat sich der deutsche Markt für Hunde-OP-Versicherungen ungefähr verdoppelt; bei Katzenversicherungen liegt das Wachstum ähnlich.

Typische Prämien 2026:

  • Hunde-OP-Versicherung: 15–35 EUR pro Monat je nach Selbstbeteiligung (0/20%) und Alter des Hundes.
  • Hunde-Vollversicherung: 35–75 EUR pro Monat, oft mit Jahreshöchstgrenze 5.000–10.000 EUR.
  • Katzen-OP-Versicherung: 8–20 EUR pro Monat, ähnliche Selbstbeteiligungs-Staffelung.
  • Katzen-Vollversicherung: 20–45 EUR pro Monat.

Ob sich das rechnet, ist Glaubensfrage. Die Versicherer rechnen damit, dass es sich für sie rechnet, sonst gäbe es das Produkt nicht. Für einzelne Halter:innen ist die Antwort vom konkreten Krankheitsverlauf des Tieres abhängig — was bei Vertragsabschluss naturgemäß niemand weiß. Was sich empirisch sagen lässt: Wer ein junges Tier versichert und über zehn bis fünfzehn Jahre durchhält, hat in den meisten dokumentierten Fällen mindestens das eingespielt, was an Prämien geflossen ist. Wer erst ab dem siebten Lebensjahr versichert oder Vorerkrankungen ausschließen lässt, zahlt häufig drauf.

Wer trägt was: Hundesteuer im Vergleich

Parallel zu Tierarzt- und Versicherungskosten gibt es die Hundesteuer, die je nach Kommune deutlich variiert. Ein Blick auf die Grundsätze für den ersten Hund (ohne Kampfhund-Aufschlag):

Kommune           Steuer/Jahr (2026)
Hamburg            90 EUR
München           100 EUR
Berlin            120 EUR
Frankfurt/Main    120 EUR
Köln              156 EUR
Stuttgart         108 EUR
Bremen            150 EUR
Düsseldorf        150 EUR
Dresden           108 EUR
Leipzig           108 EUR

Ländliche Gemeinden bewegen sich häufig zwischen 35 und 80 EUR. Für „gefährliche Hunderassen” nach den jeweiligen Landeshundegesetzen (LHundG) gelten in fast allen Kommunen Aufschläge zwischen 300 und 800 EUR pro Jahr — eine Belastung, die im Gesamtkontext der Tiergesundheitskosten oft unterschätzt wird, aber bei Listenhunden sehr real ist.

Mehrtierhalter:innen und die Tierheim-Realität

Für Haushalte mit mehreren Tieren — und das sind nach Zahlen des Industrieverbands Heimtierbedarf rund 40 Prozent aller Tierhalter:innen in Deutschland — verschärft die GOT-Reform die Lage spürbar. Wer drei Katzen hält, von denen eine chronisch erkrankt ist, kommt mit den jährlichen tierärztlichen Versorgungskosten leicht in den Bereich von 1.500–2.500 EUR. Bei zusätzlich einem Senior-Hund mit Arthrose und regelmäßigen Schmerztherapien sind 3.500–5.000 EUR pro Jahr nicht ungewöhnlich.

Für Tierheime hat das spürbare Konsequenzen. Die meisten kommunalen Tierheime arbeiten mit Verträgen, die ihnen für Fundtiere einen pauschalen Tagessatz erstatten — typischerweise 8–14 EUR pro Tag und Tier. Diese Sätze sind seit der GOT-Reform vielerorts neu verhandelt worden, aber die Anpassungen liegen meist unter der Kostenentwicklung. Tierheime kompensieren über Schutzgebühren bei der Vermittlung (typisch 200–400 EUR für Katzen, 350–600 EUR für Hunde), über Spenden und über ehrenamtliche Strukturen — was nichts daran ändert, dass kommunale Trägerschaften zunehmend schwierig zu halten sind.

Die mittelbare Folge: Vermittlungs-Konzepte werden strenger. Wer ein Tier aus dem Tierheim adoptieren will, sieht sich häufiger einer Vorkontrolle gegenüber, häufiger einer Schutzgebühr im oberen Bereich, häufiger der ausdrücklichen Frage nach OP-Versicherung. Das ist keine Bürokratisierung um ihrer selbst willen — es ist eine vernünftige Reaktion auf die Erkenntnis, dass die Tiergesundheitsversorgung 2026 finanzielle Stabilität bei den Halter:innen voraussetzt.

Was bleibt nach vier Jahren

Die GOT-Reform 2022 war notwendig. Sie hat die Gebührenordnung an reale Behandlungskosten angepasst und damit die tierärztliche Versorgung — zumindest in der Fläche, wo Praxen überhaupt noch existieren — wirtschaftlich tragfähig gehalten. Sie hat aber nichts daran geändert, dass die Tiermedizin sich strukturell verändert: weg von der inhabergeführten Einzelpraxis, hin zu Kliniken und Praxisketten; weg vom flächendeckenden Notdienst, hin zu Konsolidierungspunkten; weg vom „Tierarzt für alles”, hin zur Spezialisierung mit entsprechenden Sätzen.

Was Halter:innen 2026 brauchen, ist nicht primär Empörung über Kosten — die Kosten sind bei nüchterner Betrachtung angemessen für die erbrachten Leistungen. Was Halter:innen brauchen, ist eine vorausschauende Planung: Vor Anschaffung eines Tieres rechnen, welche jährlichen Kosten realistisch sind. Eine Rücklage von monatlich 50–100 EUR pro Tier ansparen. OP-Versicherung wenigstens prüfen, auch wenn die Antwort am Ende „nein” lautet. Und beim Tierheim nicht primär nach dem niedrigsten Preis fragen, sondern nach der besten Passung — denn ein passendes Tier verursacht über die Jahre die geringeren Folgekosten.

Vier Jahre nach der Reform ist das die nüchternste mögliche Bilanz: Die Gebührenordnung tut, was sie soll. Der Rest ist Sache der Halter:innen, der Kommunen und der Gesellschaft, die entscheiden muss, welchen Stellenwert Tierhaltung haben darf.


Ressort: Tierarzt